Intimität statt Beziehungs- und Orgasmussucht

In modern geprägten, westlichen Gesellschaften – also auch bei uns im deutschsprachigen Raum – herrscht ein Samenerguss-zentriertes Bild von erfüllendem Sex vor. Samenerguss-was? Als Angelpunkt des Liebesspiels gilt (neben einiger anderer ungeschriebener, heteronormativer Gesetze) die Ejakulation des Mannes, der als Höhepunkt bezeichnet wird. Und der soll so zeitnah wie möglich mit dem Orgasmus der Frau zusammenfallen. Alles davor sei Vorspiel, alles danach Nachglühen – falls es überhaupt noch stattfindet, das Nachglühen.

Denn viele Menschen sind heute durch den Konsum von Mainstream-Pornos, die oft mit einer Großaufnahme des spermaspritzenden Penis enden, mit einer Sex-Dramaturgie konfrontiert, die kaum Spielraum für eigene Drehbücher lässt. Das miteinander schlafen, ficken, lieben orientiert sich an den Sequenzen / Bausteinen, die sich dank vieler Bewegungen vortrefflich dazu eigenen von der Kamera eingefangen zu werden: Temporeiche Blowjobs, hitziges Anal- und Vaginal-Reinraus. Minutenlanges Schmusen, Umarmen und sanftes Streicheln und In-die-Augen-Schauen sind eben keine geile Rammelaction, die den/die Pornoschauer*in an den Bildschirm fesselt.

Die dank Digitalisierung fortschreitende Pornografisierung der Gesellschaft schreibt das eben beschriebene, relativ monotone Skript weiter in unseren Köpfen ein und erzählt nicht, dass Menschen egal welchen Geschlechts abspritzen, Orgasmen trocken und flüssig verlaufen, einzeln oder multiple auftreten können, tja oder auch Sex ohne Orgasmus schön sein kann. Mainstream-Pornos spiegeln eine Orgasmussucht wider, die so typisch für unsere Gesellschaft ist, aber nicht unbedingt Teil sexuellen Erlebens sein muss.

Männer werden darauf trainiert beim Orgasmus flüssig, Frauen trocken (und wenn möglich multipel) zu kommen. Es wird dadurch eine auf Orgasmus-Kick ausgerichtete Sexualität propagiert, die die zeitgenössische Pornografie dominiert und gierig-süchtige Beziehungen als Norm vorgibt. Gelassene, entschleunigte Intimität, bei der der Weg das Ziel darstellt, kommt nicht in Liebesleben-Skripten vor. Wie in so einem Umfeld von einer Defizit- zu einer Potenzial-fokussierten, ganz persönlichen Sexualität finden, die nährend/empowernd anstatt zehrend/auspowernd wirkt?

fragt Mag. Mario Lackner,

Dipl. Sexualpädagoge/-berater, Experte für Sexuelle Bildung im Rahmen der Erstellung des Nationalen Aktionsplans Frauengesundheit der Republik Österreich, Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Sexualwissenschaften (ÖGS), Mitbegründer des österreichischen „netzwerk sexualpädagogik“ und seit 2017 Organisator des Themenschwerpunktes Sexualität an der VHS Landstraße

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