Die Geister, die Conchita rief…

Das ganze Land und die Song-Contest-Fangemeinde weltweit ist erschüttert, schockiert und/oder tief bewegt: ESC-Siegerin und Menschenrechtsikone Conchita erklärt HIV positiv zu sein, um einem Ex-Freund zuvor zu kommen, der diese Tatsache medial an die große Glocke hängen wollte.

Sie reiht sich mit ihrer Diagnose in die Reihe zahlreicher Popstars ein (spontan denke ich an Freddie Mercury, Ofra Haza und Andy Bell von Erasure) und erfüllt damit das Klischee, das sich in westlich geprägten Gesellschaften festgesetzt hat: Wer schwul ist/lebt, der kriegt AIDS.

Wenn Menschen der Kategorie »Mann« zugeordnet werden und im Laufe ihres Lebens realisieren, dass sie (auch) auf andere »Männer« stehen, dann geraten sie in direkten Konflikt mit der Hetero-Norm, die sich seit der Moderne bei uns etabliert hat. Für unsere Gesellschaft prägende Institutionen sind/waren sie damit »krank« (bis Anfang der 1990er-Jahre war Homosexualität laut WHO als psychische Krankheit definiert), »kriminell« (nicht einmal 20 Jahre ist es her, seitdem es im Strafrecht keine Sonderbestimmungen für homosexuelle Männer gibt) oder für die meisten Religionsgemeinschaften – bis heute – schwere »Sünder«.

Ist es da ein Wunder, wenn Mensch eine negative Einstellung zu sich selbst und seiner im Grunde so wunderbaren Sexualität / Wolllust / Liebesfähigkeit entwickelt? Ist es da verwunderlich, wenn derart gesellschaftlich entwertete, entwürdigte Menschen Verhaltensweisen an den Tag legen, die das Leben abrupt beenden (vgl. Jelena/Nikis Suizid im Februar) beziehungsweise einen Selbstmord auf Raten einleiten?

Conchita und ich/Tana sind nicht die Einzigen, die sich in die Wunderhöhle sexueller Leidenschaften aus 1001 Nacht begeben haben und dort mit Geistern konfrontiert wurden, die das Leben in Gefahr bringen können. Unter Einfluss bewusstseinsverändernder Substanzen oder auch nicht (Stichwort Chem-Sex – youtube.com/watch?v=yYC3sAtEuOA), blindlings oder in vollkommener Kenntnis des STD-Infektionsrisikos, das besteht, wenn sich beim Sex ein intakter Körper mit anderen Körpern verbindet.

Eine große Wurstigkeit hat sich in gewissen LGBTIQA-Kreisen breit gemacht, wenn es darum geht sich selbst und seine Sexualpartner*innen vor gesundheitsgefährdendem Unbill zu beschützen. Man(n) nähme ja eh die PrEP oder sei unter der HIV-Nachweisbarkeitsgrenze. Steckt dahinter tatsächlich eine grandiose sexuelle Befreiung, ja die Freiheit pur, die da Platz gegriffen hat? Oder ist es nicht doch eher eine Unachtsamkeit, ja eine Ignoranz gegenüber dem eigenen Anrecht auf ein Leben in (Selbst)-Respekt, -Akzeptanz und -Liebe?

Niemand kann jedem Einzelne*n von uns die Entscheidung abnehmen ein Leben zu leben, das mit mehr oder weniger Drama verläuft. Es ist deine wie meine Entscheidung, ob wir in der Wunderhöhle zum verführerisch glitzernden Zauberring mit dem dämonischen Dschinni gieren oder einen Herzschlag, einen Atemzug innehalten und dann doch lieber auf Tuchfühlung mit für die Augen unsichtbaren Schätzen gehen – IT’S YOUR CHOICE. IT’S NOT WHAT HAPPENS, IT’S WHAT YOU DO!

Mario R. Lackner ist HIV-negativ (Stand 6.4.2018), diplomierter Sexualpädagoge/-berater, Mitbegründer des Netzwerks Sexualpädagogik und war Teil des Expertenpanels zur Erstellung des Nationalen Aktionsplans Frauengesundheit der Republik Österreich.

Er ist Volksbildner, Umweltschutzaktivist, Mitgesellschafter der Traumsieberei OG und Poet/Schriftsteller/Liedermacher. 2014 war er Co-Autor des Buches »Conchita Wurst – backstage« und beschäftigte sich in den Folgejahren auch in anderen Publikationen mit dem Phänomen Eurovision Song Contest. Mehr über ihn im aktuellen Interview bzw. auf Wikipedia.

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